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28.03.2025

Demokratie mitgestalten, mehr auf die Menschen hören: Notizen aus Berlin

Foto: pixabay

Die Hedwigskathedrale in Berlin wurde erst im November wieder nach sechs Jahren Umbau eingeweiht. Foto: pixabay

Baukräne prägen noch immer die Silhouette von Berlin. Foto: pixabay

An der Bernauer Straße wird der vielen Opfer der Berliner Mauer gedacht. Foto: pixabay

Reichstagsgebäude, Besucherebene, Vortragsaal: Die Wahlkreisabgeordnete Susanne Hierl, deren Einladung zum Bundestag wir gefolgt sind, berichtet vom Klima in den Plenardebatten, das mit dem Einzug der AfD rauer geworden sei. Die dauernden abschätzigen, diskriminierenden und sexistischen Einwürfe gingen weit über das gewöhnliche Maß des Parlamentsbetriebs hinaus und seien darauf angelegt, dem Parlamentarismus bewusst zu schaden. An einigen anderen Orten in Berlin konnten wir in den letzten Tagen erleben, wozu hasserfüllte Vorurteile, ideologische Besessenheit und blinder Fanatismus führen: Am Holocaust-Mahnmal und an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, am Zentrum Flucht und Vertreibung sowie an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Dort waren in mir die Gefühle von Beklemmung und Hilflosigkeit, von Trauer und Wut hochgekommen. Jeder, der sich auf die zerstörten Existenzen und das Leid der unschuldig Ermordeten und ihrer Familien einlässt, spürt ein „Nie wieder!“ in sich. Natürlich weiß ich nicht, ob ich mich selbst im Widerstand engagiert hätte, aber es wird mir klar: Wir dürfen uns nicht aufhalten lassen, unsere demokratische Kultur zu pflegen, den Parlamentarismus weiterzuentwickeln und mit vereinten Kräften gegen Benachteiligung, Demütigung und Hass aufzustehen. Wenn auch Kirche im blinden Fanatismus vor langer Zeit bereit war, für den Willen Gottes „über Leichen zu gehen“, so sind Christen heute dazu aufgerufen, für einen respektvollen Umgang, ein friedliches Miteinander, für unsere freiheitliche Demokratie, für die gesellschaftliche Teilhabe aller und auch für eine offene Gesellschaft einzutreten. Nur so können alle sich frei entfalten und die von Gott geschenkten Begabungen und Fähigkeiten bestmöglich einsetzen. Kompromisse mit Radikalen und Extremen um der Sache willen sind dabei kontraproduktiv. Im Gegenteil: Kirche ist nur dann glaubwürdig, wenn sie tatsächlich selbst wertschätzenden Umgang und Achtung vor dem Anderen, Offenheit und freie Meinungsäußerung, Teilhabe und synodale Weggemeinschaft lebt. Und es ist wichtig, dass sie im gesellschaftlichen Diskurs und in der demokratischen Öffentlichkeit als glaubwürdiger und verlässlicher Gesprächs- und Kooperationspartner wahrgenommen wird – nicht zum Anpassen und Anbiedern und auch nicht zum sturen Dagegenhalten.

Berlin Mitte, Bebelplatz, Hedwigskathedrale. Die Besuchergruppen und Schulklassen ziehen draußen an der Prachtmeile „Unter den Linden“ vorbei. Die wenigsten würdigen die von 2016 bis 2024 umgestaltete Kathedralkirche des Erzbistums Berlin überhaupt nur eines Blickes. Doch ich möchte mir nun den renovierten Kirchenraum ansehen. Es sind nur wenige Beter und Besucher hier. Der Chor bereitet sich auf die Abendmesse zu Mariä Verkündigung vor. Ich lasse den frisch renovierten Raum und seine Atmosphäre auf mich wirken. Alle Bänke sind in einem Kreis auf die Mitte hin zugeordnet, die aus Altar und Ambo besteht: dem „Tisch des Brotes“ und den „Tisch des Wortes“, von denen die Kirche lebt. Auch an der Rückseite gibt es eindrücklich gestaltete Aufbewahrungsorte für das Altarsakrament und die Heilige Schrift. Insgesamt ist das Kircheninnere schlicht gehalten und – wie Neumarkt Christuskirche – ganz weiß gestrichen. Nichts soll ablenken und die Blicke sollen zum Wesentlichen geführt werden. die Anwesenheit Gottes in Brot und Wein und in seinem heiligen Wort. Dass wir zum Gottesdienst zusammenkommen, um uns von Gott ansprechen zu lassen und mit ihm in Berührung zu sein, gehört zum Kern unseres Glaubens. Doch wären Berlins Kirchen nur schöne Orte mit durchdachten architektonischen Konzepten, starkem  künstlerischen Ausdruck und ansprechender Liturgie, wäre sie in den Lebenswelten der Berlinerinnen und Berliner wohl wenig glaubwürdig. Auch in der evangelischen Stephanusschule gleich gegenüber unserem Hotel oder in der Kindertagesstätte St. Josef, an der uns unser Reisebus vorbeifährt, lernen Kinder und Jugendliche, ihr Leben mit Gott und seiner Frohen Botschaft zu gestalten. Und ohne das Caritas-Arztmobil, dem wir in der Levetzovstraße begegnen, könnten Menschen nicht spüren, dass Gott ihre Genesung und Heilung, ihr körperliches und seelisches Wohlergehen will – hier und heute. Und bereits bei der Ankunft war ich bereits beim Bahnhof Zoo an der Caritas-Ambulanz für Wohnungslose vorbeigekommen: Spuren Gottes und seiner Liebe zu uns Menschen in dieser Weltstadt. Mit Kirchen und Gottesdiensten alleine wird das Reich Gottes in einer fast vollständig säkularisierten Metropole nicht wachsen können.

Berlin. Alexanderplatz. In unserem Bus auf dem Weg zum Bundesrat. Der Quadratmeterpreis beim Kauf von Grundstücken beträgt hier 17.000 Euro. Investoren verbauen hier zwar gigantische Summen – allerdings meist nur für Büro- und Geschäftsräume und für Wohnungen der gehobenen Klasse. In Wohnraum für Familien wird in der Bundeshauptstadt dagegen wenig investiert. Für Familien mit Kindern ist es fast unmöglich, sich räumlich zu vergrößern, weil der neue Mietpreis kaum gezahlt werden kann. Die gleichen Probleme kennen wir aus München und anderen deutschen Großstädten. Familien können sich einen passenden Wohnraum kaum mehr leisten. Selbst in Neumarkt, in der tiefen Provinz, wird es zunehmend für jüngere Menschen mit Kindern schwierig, Wohneigentum zu erwerben. Das müsste uns Kirchen deutlicher aufschrecken. Wie wichtig uns doch die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ ist. Wie wichtig uns die Förderung von Kindern und Jugendlichen ist. Wie wichtig uns auch der Schutz ungeborener Kinder ist. Eltern brauchen Perspektiven und Familien brauchen bezahlbare Räume. Der Wohnungsmarkt darf nicht einfach nur Investoren und Spekulanten sowie hochpreisigen Interessenten oder finanziell besser abgesicherten Singles überlassen werden. Die Familienfreundlichkeit unserer Gesellschaft zeigt sich sehr zentral an der Frage, wie Familien Wohnraum für ihre Entfaltung und Entwicklung finden können. Ich frage mich, ob die Kirche dabei schon alle ihre Möglichkeiten ausgenützt hat.   

Bernauer Straße. Zwischen Mitte und Wedding, Gedenkstätte Berliner Mauer. Dramatische Szenen spielten sich ab, so erklärt uns der Führer, als Bauarbeiter und Soldaten der Volksarmee in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 an der Bernauer Straße Menschen aus ihren Betten und Wohnungen vertrieben, Haustüren verriegelten und Durchgänge mit Stacheldraht absperrten. Der Bau der Mauer hatte begonnen. Rund 2,7 Millionen Menschen waren schließlich aus der DDR 1949 in den Westen geflohen: Gut ausgebildete Männer und Frauen mit ihren Kindern. Es waren die Unfreiheit der Diktatur sowie mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten und weniger soziale Notstände, die die Menschen zur Flucht bewogen. Ich denke mir: Das war Abstimmung mit den Füßen. Kurz nach unserem Besuch in der Gedenkstätte erreicht mich auf dem Handy folgende Nachricht: „Kirchen verlieren 2024 über eine Million Mitglieder“. Natürlich möchte ich das DDR-Unrechtsregime mit unseren großen Kirchen in Deutschland vergleichen. Aber auch hier fällt mir ein: „Abstimmung mit den Füßen“. Die Menschen kehren katholischer und evangelischer Kirche massenweise den Rücken zu. Rund 322.000 Katholikinnen und Katholiken traten im letzten Jahr aus ihrer Kirche aus. Natürlich weiß ich: Die Gesellschaft wandelt sich und wird zunehmend säkularer. Religiöse Fragen spielen in unserer Konsum- und Wohlstandsgesellschaft kaum mehr eine Rolle. Das weitergegebene Glaubenswissen im Land wird immer spärlicher. Aber ich denke mir auch: Hinter fast jedem Austritt stecken wohl auch ein Schmerz, eine Enttäuschung, ein Auseinanderleben, eine gegenseitige Interesselosigkeit, eine Entfremdung. So viele Menschen verstehen das, was in den Kirchen gesagt und getan wird, nicht mehr. Es ist für ihr Leben nicht mehr relevant. Der Glaube, die Frohe Botschaft und christliche Traditionen bieten keine Perspektiven mehr für das Leben des einzelnen oder der einzelnen. Rituale und Verkündigung sind oft soweit von der Lebensrealität der Menschen entfernt. Vermeintlich unaufgebbare, heilige Prinzipien erscheinen wichtiger als Ermutigung für den Alltag.  Wir dürfen als Kirchen nicht nur sagen „All das schmerzt uns.“ Vielmehr müssen wir die Menschen fragen, was sie brauchen, was ihnen guttut und wonach sie sich sehnen. Wir wollen niemanden einsperren und festhalten, aber wir wollen auch nicht irgendwann einmal bloß ein „heiliger Rest“ sein.

Dekanatsreferent Christian Schrödl, Neumarkt/Habsberg

    

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