Gegen „Blitz, Hagel und jedes Unheil“: Der Wettersegen
Tornado in der Oberpfalz: In Wackersberg flogen ganze Scheunendächer durch die Luft. Im Vordergrund der Sockel eines umgerissenen Feldkreuzes. Foto: Benjamin Köbl
Der Schornstein ist abgebrochen, das Terrassenfenster zersplittert, die Obstbäume umgeknickt wie Streichhölzer. Das Trampolin wurde aus der Verankerung gerissen und übers Grundstück geschleudert, scharfkantige Dachziegel- und Eternit-Splitter liegen überall verstreut, stecken Skalpellen gleich sogar in der Fassadendämmung. Die junge Familie, die ihr Haus inspiziert, ist fassungslos. Das Amateurvideo dokumentiert die Spuren eines Tornados im Frühjahr 2024. Aufgenommen wurde es nicht irgendwo in den USA, sondern in Wackersberg, einem Ortsteil von Berching. Extremwetterereignisse nehmen in beunruhigendem Maße zu. Gott „halte Blitz, Hagel und jedes Unheil von euch fern“, diese Worte aus dem Wettersegen sind heutzutage alles andere als eine überholte, fromme Floskel. Zur Bitte um gedeihliches Wetter und Wachstum der Saaten und Feldfrüchte kommt heute auch die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung und der Appell, durch nachhaltiges Handeln Treibhausgas-Emissionen und damit die Erderwärmung zu verringern.
„Den Herrgott nicht überstrapazieren“
„Es geht um unsere Lebensgewohnheiten“, meint etwa Pfarrer Alois Spies, Leiter des Pfarrverbandes Böhmfeld-Hitzhofen-Hofstetten. Er stammt selbst von einem Bauernhof, ist als Bub schon auf dem Bulldog unterwegs gewesen und weiß, wie sehr die Landwirte auf gute Witterungsbedingungen angewiesen sind, wie bitter es ist, wenn ein Unwetter die Ernte verhagelt. Was extremer Niederschlag anrichten kann, musste er aber auch schon in seinem Pfarrverband erfahren: Vergangenes Jahr sei der Keller des Hitzhofener Kindergartens überschwemmt worden, berichtet der Seelsorger.
"Es ist ein beklemmendes Gefühl, wenn man sieht, wie das Wasser kommt und nichts tun kann“.
Richtig Angst wurde ihm auch, als einmal kurz vor Fronleichnam ein schlimmes Unwetter aufzog und das Dach der Lippertshofener Pfarrkirche sanierungsbedingt nur mit einer Plane abgedeckt war.
Auf der anderen Seite gebe es Phasen extremer Trockenheit, stellt er bei seinen regelmäßigen Arbeitseinsätzen im Kirchenwald fest. Angesichts solcher Klima-Kapriolen werde der Wettersegen auch von Gläubigen im 21. Jahrhundert geschätzt, meint Spies. Und doch dürfe man den Herrgott „nicht überstrapazieren“ und sich nicht komplett auf ihn verlassen, sondern müsse auch selbst einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Mit Magie habe der Wettersegen überhaupt nichts zu tun, meint der Geistliche, für den das eigentliche Wunder die Natur selbst ist. Seinen Pfarrgarten hat er in ein grünes Paradies verwandelt, in dem er Kartoffeln ebenso wie Kiwis erntet und auf natürliche Schädlingsbekämpfung setzt.
Rituale gegen die Angst
Dass der Wettersegen auch das Unkraut gut wachsen lässt, stellt Pfarrer Roland Klein augenzwinkernd fest. Gerade komme er aus seinem Pfarrgarten, berichtet der Geistliche, der auch Diözesan-Landvolkpfarrer ist. Sein Pfarrhaus steht in Pommelsbrunn in der Hersbrucker Schweiz. In dieser hügeligen Region seien die Gewitter gefürchtet, erzählt er. Es gebe zahlreiche Bäche und Flüsse, die sich bei Starkregen im Nu in reißende Ströme verwandeln können. Auf den Wettersegen, so Klein, legten die Gläubigen auch in den von ihm betreuten Diasporagemeinden noch Wert, „auch, weil es zur Kirchenkultur dazugehört“. Jahrhundertelang hätten die Menschen an die Kraft des Wettersegens geglaubt. Auch, dass sie bei Unwettern schwarze Kerzen anzündeten, habe seinen Sinn gehabt, „um die Angst in den Griff zu bekommen“.
Ungebrochenes Vertrauen
Heute, in Zeiten von Wetter-Apps und Frühwarnsystemen, findet man die schwarzen Kerzen immer seltener. Franziska Mayer, Mitte 70, aus Workerszell bei Eichstätt dagegen hält noch an diesem Brauch fest, obwohl oder gerade weil sie vor drei Jahren etwas erleben musste, was sich niemand vorstellen mag: Auf ihrem Anwesen schlug der Blitz ein, in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 2022. Vom Donnergrollen wach geworden, hatte sie sich, wie bei jedem Gewitter, angezogen und zur Tür hinausgeschaut. Auf einmal ein doppelter Blitz, ein ohrenbetäubendes Krachen, „und dann hat’s auch schon herausgequalmt aus der Scheune“. Ihr einziger Gedanke sei gewesen: „Du musst was machen“, erzählt die alleinstehende Frau, aber sie habe sich gefühlt wie gelähmt, „wie selbst vom Blitz getroffen“. Stattdessen hatten Nachbarn gleich die Feuerwehr alarmiert. Dennoch wurde die Halle samt den eingelagerten Maschinen ein Raub der Flammen.
Das nur sieben Meter entfernte Wohnhaus aber konnte gerettet werden, so wie auch Mayers Vertrauen in den Wettersegen ungebrochen blieb. Ein alter Spruch aus ihrer Kindheit kommt ihr nach wie vor bei jedem Unwetter über die Lippen: „Heilige Mutter Anna, treibs Wetter von danna, treibs übers Meer und lass’ nimmer her!“ Wobei sie sehr wohl Anteil nimmt, wenn sie in den Nachrichten von Unwettern im Ausland hört, in Frankreich oder Italien. „Das wird immer schlimmer“, findet sie. Auch das viele Plastik in den Weltmeeren sei „Wahnsinn“.
Großer Schreck , riesige Hilfsbereitschaft
Werner Krieglmeier aus Wiesenhofen bei Beilngries führt seinen Hopfenbaubetrieb schon in dritter Generation, aber das, was vergangenes Jahr in der Nacht zum Fest Mariä Himmelfahrt passierte, hatte wettertechnisch eine neue Dimension: 90 Liter Regen auf den Quadratmeter und starke Windböen ließen einen gesamten Hopfengarten wie ein Kartenhaus einstürzen. Eine acht Hektar große, erst zehn Jahre alte Anlage, die er noch kurz zuvor überprüft hatte. Heute steht die Anlage wieder. Geblieben ist den Krieglmeiers neben dem Schrecken auch eine große Dankbarkeit für die enorme Hilfsbereitschaft: Nicht weniger als 35 Landwirtskollegen waren mit Traktoren angerückt und hatten die am Boden liegenden Gestänge Reihe für Reihe angehoben, damit die fast reifen Dolden noch gepflückt werden konnten.
Tornado riss zwei Kreuze mit
Auch die Wackersberger, durch deren beschauliches Dorf ein Tornado mit über 200 Stundenkilometern raste und binnen Sekunden an den Häusern teils Schäden im sechsstelligen Euro-Bereich verursachte, berichten von gewachsenem Zusammenhalt, erzählt Ortssprecher Benjamin Köbl. Drei Wochen nach der Naturkatastrophe und dem gemeinsamen Aufräumen hatte es ein Helferfest gegeben, dem in diesem Jahr, am ersten Jahrestag des Tornados, ein weiteres folgte. Bei dieser Gelegenheit segnete Ortspfarrer Francesco Benini auch zwei instandgesetzte, rund 60 Jahre alte Steinkreuze. An dem einen hatte der Tornado sein zerstörerisches Werk begonnen, das zweite, am anderen Ortsende gelegene, ging ebenfalls zu Bruch, als es von einem losgerissenen, durch die Luft katapultierten Scheunentor getroffen wurde. Erwischt hatte es außerdem eine Kapelle, die ebenfalls repariert und nun neu gesegnet wurde. Besonders froh darüber sei seine Oma Stilla, die sich lange um das Gotteshaus gekümmert habe, erzählt der Ortssprecher. Und seine sehr gläubige Oma sei es auch gewesen, die nach dem Unglück inmitten immenser Sachschäden den Blick wieder auf das Wichtigste lenkte: „Seid froh, dass ihr alle gesund seid!“
Text: Gabi Gess
Der Wettersegen
„Gott der allmächtige Vater, segne euch und schenke euch gedeihliches Wetter, er halte Blitz, hagel und jedes Unheil von euch fern. Er segne die Felder, die Gärten und den Wald und schenke euch die Früchte der Erde. Er begleite eure Arbeit, damit ihr in Dankbarkeit und Freude gebrauchet, was durch die Kräfte der Natur und die Mühe des Menschen gewachsen ist.“ So lautet der Text des Wettersegens, der vom Markustag (25. April) bis zum Fest Kreuzerhöhung (14. September) gespendet werden kann.
Die nächsten Termine
- Samstag, 24. Januar
- 09.00 UhrDekanatsforum der Dekanate Neumarkt und HabsbergOrt: Kolpingshaus JohanneszentrumVeranstalter: Bischöfliche Dekanate Neumarkt und Habsberg
- Samstag, 31. Januar
- 19.00 Uhr"Im Hier und Jetzt" - Eröffnungsgottesdienst der Woche für Paare - Marriage WeekOrt: Hofkirche NeumarktVeranstalter: KEB, EBW, EFL-Beratungsstelle Neumarkt, Pfarrei Hofkirche Neumarkt und Evang.-Luth. Dekanatsbezirk Neumarkt



